
Die Drecksau
8:30 Uhr: Selbstverständlich hatte Leonhard auch an jenem Tag verschlafen, aber anstatt sich zu beeilen um wenigstens noch halbwegs pünktlich an seinem Arbeitsplatz zu erscheinen, setzte er seinen behaarten Arsch lieber (um eine ausgiebige Runde zu kacken) auf sein Urinstein gepflastertes Klo. Es kratzte ihn nicht, zu spät in die Arbeit zu kommen, immerhin waren dort alle von ihm abhängig. Er wusste Dinge, die kein anderer wusste und das machte ihn mächtig und unverzichtbar.
Es soll zwar Menschen geben, die ihr Arbeitsumfeld an ihrem Wissen teilhaben lassen und somit die Flexibilität des Unternehmens fördern, doch Leonhard war nicht so einer. Er genoss seine Macht. Er war der krähende Hahn auf dem Misthaufen, der Graurücken in der Gorillaherde, das Alphamännchen im Wolfsrudel und niemand wagte es, aufgrund seiner unumstrittenen beruflichen Kompetenz, seine Person in Frage zu stellen.
Er liebte es, in seinem eigenen Gestank sitzend, die Zeitungsannoncen über die, in Kurzform gedruckten, Einzelschicksale zu lesen und sich dabei, vor Schadenfreude, dumm und dämlich zu lachen.
Schließlich trieb ihn dann doch der bestialische “Duft“ von seiner Brille runter und er lief nackt in sein elfenbeinbesetztes Bad mit Pandabärenbaby-Teppich (zum Füße abrubbeln).
Nachdem er sich die Haare mit Wachs nach hinten geglättet und seine Zähne aufgebleicht hatte, schwang er sich in sein 500 Dollar (sorry EU, Dollar wirken in hirnverbrannten Geschichten einfach spektakulärer als Euro) Sakko und verließ sein 400 m² Haus (einst ein Waisenhaus für geprügelte, vergewaltigte und ausgestoßene Kinder, das er aber abreißen lies, um sich und seinen Nutten ein “Wohnen nach dem letzten Schrei“ zu ermöglichen) in Richtung getunten Porsche.
Er stieg ein und drückte so richtig auf die Tube, denn die Radarfalle, die ihn, auf dem Weg zur Arbeit fahrend, schon tausende leicht bis mittelschwer verdiente Geldscheine gekostet hatte, wurde Tags zuvor von “unbekannten Tätern“, mit einem Baseballschläger außer Betrieb genommen. Leo wusste das und sein Grinsen wurde so richtig breit, als er mit 200 Sachen daran vorbei flog.
Die halbe Belegschaft wartete bereits am Fenster, als der überteuerte Sportwagen vor dem “Einser-Parkplatz“ zusammenschliff und, begleitet vom übertrieben lauten Motorengeheule eines auffriesierten Achtzylinders, einparkte.
“Heute sind’s nur drei Stunden, die er zu spät kommt!“, sagte der Abteilungschef mit sarkastischem Unterton, “aber was sollen wir machen? Ohne ihn wäre die Firma nicht einmal die Hälfte wert, also los Fräulein Presslovkova, machen sie ihm doch seinen Lieblingskaffee und backen sie endlich seinen Montagskuchen fertig“, fügte er, unsterstützt von einem hilflos wirkendem Dackelblick, hinzu.
Mr. “Reached the Top”, wie sich Leonhard selber gerne nannte, pisste einstweilen das Auto seines Chefs am Firmenparkplatz voll, immer schön auf die Türklinke. Der noch am Fenster stehende Chef hingegen tat so, als würde er es nicht sehen, denn wenn er es gesehen hätte, hätte er eigentlich aus der Haut fahren müssen, um nicht Hohn und Spott von seinen restlichen Angestellten zu ernten. Also entschied er sich für die Devise: “Niemand hat mir auf den Kopf gespuckt und Keiner hat’s gesehen!“
Es war bereits viertel vor zwölf und Mr. “RtT“ war immer noch nicht an seinem Arbeitsplatz zu finden.
Ach ja, es war ja Montag. An diesem Tag arbeitete die dralle Katie am Empfangsschalter und für RtT war es ein Ding der Unmöglichkeit, an ihr vorbeizugehen ohne mindestens einen Anmachspruch der Marke Marianengraben anzubringen.
Als Mr. Filler (der Chef) ihn schlussendlich, furzend und ins Dekollete der netten Empfangsdame glotzend, antraf und ihn höflich auf sein Zuspätkommen aufmerksam machen wollte, gab ihm Leonhard einen Klaps mit seiner ungewaschenen Hand und empfahl sich im nächsten Moment selber für den Chefposten. Dann joggte er im Laufschritt, mit den Worten “ich hab’s eilig“ davon und verschwand im Aufzug.
Filler stand da wie ein nicht fertiggeschriebenes Fragezeichen und war kreidebleich. “Diese Drecksau führt etwas im Schilde!“, dachte er sich und trottete zurück in sein Büro.
Ding, Dong, Döng! Klang es aus dem Aufzug, als dieser im 8. Stock zum Stehen kam. Sechs Personen tummelten sich in der Kabine, aber nur eine musste hier raus. Es war das Stockwerk in dem Leonhard seine kurzen Arbeitstage verbrachte, also stieg er aus und stolzierte wie ein paarungswilliger Pfau in sein Großraumbüro.
Er nahm seinen Laptop, die Tasche mit dem Beamer und eine, von ihm selbst beschriftete, DVD. Danach verließ er sein Büro wieder und steuerte direkt auf den Sitzungssaal zu. Dieser wird eigentlich nur sehr selten benutzt. Für firmeninterne Besprechungen ist er viel zu groß und darüber hinaus ist er auch noch ziemlich ungemütlich. Die Stimmen hallern und die Entfernungen zu den Gesprächspartnern sind enorm, es wirkt alles so unpersönlich und darum mochte ihn niemand.
Als er die riesige Tür aus Eichenholz öffnete, sprangen gleich mehrere Typen in grauen Anzügen auf, um den eben eingetretenen “Hauptdarsteller“, mit einem festen Händedruck und gierigem Grinsen, zu empfangen.
“Wie geht’s ihnen Hr. Egonleitner? Hatten sie einen erfolgreichen Tag?“ – sprudelte es postwendend aus den grinsenden Mäulern.
“Mir geht’s gut, aber nennen sie mich doch einfach Mr. “Reached the Top“. Diesen Namen höre ich gerne aus dem Munde anderer Leute, das baut mich auf. Und um ihre zweite grenzdebile Frage zu beantworten: bis jetzt hält sich die Erfolgsquote des Tages noch in Grenzen. Ich hab zwar gekackt wie ein Nashorn, das Auto von Herrn Filler vom Dach bis zur Klinke vollgepisst und unserer Empfangsdame dermaßen obszön in den Ausschnitt gespannt, dass ihr Gesicht die Farbe Rot neu definierte und sie ab heute wohl nur noch mit Rollkragen und Schal auf ihrem Drehsessel platz nimmt, aber ich hab noch nicht gefickt. Mein Schwanz baumelt zerknüllt in meiner Hose und diese Tatsache lässt mich den heutigen Tag noch nicht als erfolgreich werten, verstanden? Aber das interessiert sie ja im Grunde nicht, es geht ihnen doch hauptsächlich um “die Sache“ und die hab ich dabei, fix und fertig. Sofort einsatzbereit und von einem Orang utan bedienbar.“
“Ach, das hört sich gut an.“ - sagte der Herr in grau und blickte, doch ein bisschen verwundert, in die grinsende Runde.

