
Lass den Sommer rein!
Ich hab die Schnauze voll von Minusgraden. Viel zu oft rutschte ich in diesem Winter - in uneleganter Haltung - über gefrorene Pfützen, während ich zum Bahnhof eilte und mir mein Atem dabei sämtliche Aggregatzustände demonstrierte. Ich will endlich wieder meine Wohnung verlassen ohne dabei in Angst- und Schockzustände zu verfallen, dass mein Leben jäh wegen eines herunterrauschenden Eiszapfens enden könnte. So ganz ohne Vorwarnung. Der Hausmeister hatte eine durchzechte Nacht hinter sich und vergaß, ich nenne sie jetzt mal „die Abstandhalter“, an der Hausmauer zu platzieren. Rrrrutsch! - Klirr! Voll auf die Mütze! Ich sehe noch wie mein Blut an der Gehsteigkante gefriert und dann – Ende! Game Over! Der Vorhang ist gefallen! Die Show ist vorbei! Sämtliche Bildung, Erfahrung und Weisheit welche ich mir über die Jahre und Jahrzehnte hinweg – mehr oder weniger – angeeignet hatte, werden aufgrund kosmischer-, chemischer-, philosophischer-, physikalischer- usw. Konstellationen, im Bruchteil einer Sekunde, überflüssig. Die drei Stunden plus auf meinem Gleitzeitsaldo – für die Katze, für Arsch und Friedrich! Wer hat jetzt Schuld? Der Winter, der nicht enden will und jede Nacht aufs Neue die Dächer mit Schnee und Matsch zudeckt, die Pfützen gefrieren und die Heizkosten explodieren lässt? Der Hausmeister, dessen Leben ihn des Öfteren dazu verleitet, sich, an einem Dienstagnachmittag - auf Teufel komm raus-, ins Delirium zu saufen und dabei das Kurzzeitgedächtnis derart zu betäuben, dass die so überlebenswichtigen „Abstandhalter“ zu einer sehr verschwommenen und schemenhaften Erinnerung verkommen? Etwa mein penetranter Wecker, in Form meines Handys, welches mich jeden Morgen so grausam schändet, dass ich mir nicht selten den Tod wünschte? Oder hatte, und jetzt geht’s wirklich auf nach Fantasien, etwa gar dieser Wunsch nach einem Treffen mit “Gevatter Tod“ Schuld an meinem Ableben? Eine schwierige Frage, die weder Philosophen, Wissenschaftler und schon gar keine Theologen beantworten können. Ich weiß nur eines sicher: Ich will Sommer, Sonne, Sonnenschein! – Lass den Sommer rein!

