Raucher mit Garten

Mein neuer Nachbar ist Raucher. Viele werden sich jetzt denken - „Na und?“, einigen werden sagen – „Ich auch“ und der Rest wird diese Information mit einem lockeren „Selber schuld!“ abtun.

Doch wenn ich sage Raucher, dann meine ich nicht Raucher im Sinne von „jeden Tag eine Packung Marlboro“, sondern im Sinne von „Dieser Mann raucht! Diese Person Raucht wie ein durch einen Regenschauer gelöschtes Lagerfeuer! Er raucht selbst als Ganzes! Er sieht aus wie graublauer, krebserregender und stinkender Tabakrauch.“

 

Er hat rauchgraues Haar, einen rauchgrauen Bart in welchem sich vereinzelt gelbe Nikotinflecken eingenisstet haben, sein riesiger (bestimmt mit Rauch gefüllter) Bauch, ragt schon Minuten vor der Ankunft der eigentlichen Person um die Ecke und seine Stimme ist rau wie die See am Kap der guten Hoffnung.

 

Trotz augenscheinlicher Einfältigkeit, fasziniert mich diese Person, wie man es sich anhand meiner einleitenden, präzisen Beschreibung wahrscheinlich bereits denken kann.

 

Nach getaner Arbeit verbringe ich, wenn es denn das Wetter zulässt, sehr gerne Zeit auf meinem Balkon und starre den - zu jeder Sekunde einzigartigen - Himmel an. In seltenen Fällen kommt es vor, dass sich mein Blick vom Himmel abwendet und auf die Straße richtet und in den allerseltensten Fällen sehe ich, während meiner Balkonsession, den nikotingelben Audi meines qualmenden Nachbarn um die Ecke biegen.

Im Schritttempo und stotternd kriecht er die Fahrbahn entlang, als würde sein Auto die gesundheitlichen Probleme die das Kettenrauchen mit sich bringt ausbaden. Die Parklücke wird schon Minuten vor dem Erreichen anvisiert, das Tempo wird weiter gedrosselt, so dass sich das Fahrzeug nun schon fast rückwärts bewegt und nach zig Minuten hat er es dann tatsächlich geschafft. Das Auto ist geparkt.

 

Die Beifahrertür öffnet sich und eine Rauchschwade in der Größe eines Fußballfeldes breitet sich quer über den Parkplatz aus. Schemenhaft sehe ich wie eine Frau aus dem Auto stolpert. Hustend, röchelnd und nach Luft ringend bewegt sie sich, sichtlich benommen aufgrund der Räucherung welche sie während der gesamte Fahrt über ertragen musste, auf den Hauseingang zu.

Einige Zeit später öffnet sich auch die Tür des Steuermanns. Abermals wabert massenhaft Rauch aus dem Auto. Ein glühender Punkt verrät die Position meines Nachbarn. Selbstverständlich hat er eine Kippe im Mundwinkel. Souverän wird gehustet ohne dabei den Glimmstängel aus der Visage zu nehmen. Er hievt seine Beine aus der Karre, quält seine Wampe am Lenkrad vorbei und wuchtet sich anschließend selbst aus der Fahrertür. Die Anstrengung wird umgehend mit einem sekundenlangen Monsterzug an seiner dampfenden Zigarette belohnt.

 

Die etwa 25 Meter Fußweg zu seiner Wohnung werden in nicht weniger als vier Minuten bewältig, damit lässt er eine Weinbergschnecke um mehr als eine halbe Stunde hinter sich und ist in etwa gleich schnell wie „Lonesome George“ – ein Zeitzeuge Darwins und somit eine der ältesten Schildkröten der Welt. Danach verschwindet er schnaubend unter der kaminroten Eingangstür, gefolgt von einem Schwarm blauer Rauchpartikel.

 

Sichtlich gebeutelt von diesen unmenschlichen Strapazen müht sich mein rauchender Nachbar in seinen „Garten“, welchen ich mit freier Sicht von meinem Balkon aus bestaunen kann.

 

An dieser Stelle wundert man sich wahrscheinlich, warum ich seinen „Garten“ unter Anführungszeichen bzw. Gänsefüßchen setzte.

Das hat den einfachen Grund, dass nur er selber glaubt, dass er über einen Garten verfügt, die knallharte Realität, welche schlussendlich bewertet was ein Garten ist und was nicht, sieht das nämlich ein wenig anders.

 

Unter einem Garten stellt man sich üblicherweise ein kleines, von der Sonne begünstigtes Grundstück vor, welches - umgeben von einem Zäunchen - diverse Sträucher, Blumenbeeten, Swimmingpools und vielleicht sogar kleine bis mittelgroße Bäumchen beherbergt.

 

Nicht aber in dem „Garten“ des lebenden Aschenbechers.

Der „Garten“ ist ungefähr vier Quadratmeter groß, der Blick von der „Terrasse“ aus fällt direkt auf eine graue Betonwand. Die „Grünfläche“ auf welcher ein tsungarischer Zwerghamster wohl nach einer Woche - aufgrund aufgebrauchter Ressourcen - den grausamen Hungertod erfahren müsste, ist zu allem Überfluss auch noch mit zwei ca. 1 m² großen Kanaldeckel verziert und die Sonne ist in diesem „Grundstück“ so selten vertreten, wie tropische Regengüsse in der Sahara.

 

Doch, alles egal, Mr. Schornstein steht mitten in seinem nach Kanal riechenden, dachlosen Betonbunker und raucht eine Nikotinstange nach der anderen, während er seinen Barbiepuppen-Pool mit einem Gartenschläuchen füllt.

Und derweil er hier so rauchend und plätschernd vor sich hin sinniert, ist er von nicht weniger als dreizehn Solarlampen umgeben, die er alle in seinen „Garten“ quetschte und aufgrund derer ich schon öfter die Befürchtung hatte, dass es keineswegs abwegig sei, wenn sich ein „Boeing 777“ in unsere Hausmauer verirrt und anschließend ein Stapel Leichen (nebeneinander können sie aufgrund mangelnder Fläche nicht liegen) den Blick auf die Betonwand unmöglich macht.

 

Doch was ich mich wirklich Frage und mir schlaflose Nächte bereitet: „Wer kümmert sich um seinen „Garten“, wenn ihm mal die Luft ausgeht?“

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