Verlass dich und du bist verlassen

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Piep, piep! „Spätestens um halb Acht Uhr morgens müssen wir losfahren, unser Flugzeug wartet nämlich nicht! Also, nicht vergessen – HALB ACHT!!!“ - lautete jene SMS, welche ich, nach einem anstrengenden Arbeitstag und kurz nachdem ich mich durchs Stiegenhaus in meine Wohnung quälte, erhielt.

„Keine Sorge, ich bin verlässlich wie der Tod!“ schrieb ich gelassen zurück und legte mein Handy auf den Wohnzimmertisch.

 

„Piep, piep“ tönte es keine zwei Minuten später ein weiteres Mal aus dem hochwertigen Lautsprecher meines Hybrid-Handys.

„Hey! Ich hab dir doch geschrieben, dass ich verlässlich bin!“ – sagte ich zu mir selbst, nahm das Telefon erneut in die Hand und stellte entgegen meinen Erwartungen fest, dass die eben eingelangte SMS von Änsen war.

Ich solle doch so nett sein und ihm bitte seine DVD zurückbringen, welche ich mir, einige Tage zuvor (mit einem unter Eid abgelegten Versprechen, dass ich sie – sobald er sie braucht – verlässlichst, zu jeder nur erdenklichen Tages- und Nachtzeit, zurückbringen würde) geliehen hatte.

 

Mein erster Gedanke: „Fu**!! Mein zweiter Gedanke: „Egal, in spätestens zwanzig Minuten bin ich wieder zu hause!“ – Also versuchte ich mich selbst zu beruhigen, nahm die DVD und trottete zu meinem Auto. Ein anstrengender Tag stand bevor, darum wollte ich keine Zeit verlieren und so schnell wie möglich zurück in mein Hoheitsgebiet - zurück auf meine Couch.

 

Es war kurz nach 18:00 Uhr als ich bei Änsen eintraf. Er war in guter Stimmung und fragte mich, ob ich denn nicht auch ein Schlückchen von diesem fabelhaften Wein probieren möchte, von welchem er am Vortag mehrere Flaschen erstanden hatte. „Ein echter Gaumenschmaus!“ johlte er, während er mir den prall gefüllten Rotweinkelch unter meinen Riechkolben hielt.

 

„Sorry, nicht heute Änsen!“ antwortete ich – „der morgige Tag wird ziemlich an meinen Ressourcen nagen. Ich muss früh aus den Federn und eine Freundin, welche Kindergärtnerin in einem Heim für schwer erziehbare Kinder ist, gemeinsam mit ihrem Arbeitsumfeld – sprich 16 schwer erziehbare, junge und kleine Menschen auf die es so schwer aufzupassen ist, wie auf eine Kiste (ohne Deckel) voller Heuschrecken – zum Flughafen bringen. Ich glaube nicht dass es eine gute Idee ist, noch länger als unbedingt nötig hier zu bleiben. Ich muss los, sorry!“

 

Ich gab ihm dankend die DVD zurück und machte mich auf den Weg zu meinem Auto. Als ich gerade dabei war den Wagen zu starten klopfte es an mein Seitenfenster, es war mein Bruder - Ony.

 

„Hi Chisco!“ sagte er! „Komm doch noch mal schnell mit rauf, ich hab dir einige wirklich wichtige Dinge mitzuteilen!“

Seufzend und resignierend schnallte ich mich wieder ab, stieg aus dem Wagen und klingelte erneut an Änsen’s Tür. „Hi Änsen, ich bin’s wieder und Ony ist auch dabei!“ Ich schritt über die Schwelle, wartete bis Ony das auch tat und schloss die Tür.

 

Es war ein gutes Gespräch und je länger es dauerte, desto tiefer versank ich im Polstermeer auf Änsens (äußerst gemütlichen) Couch.

Der unvermeidbare Gedanke, welcher meine ablehnende Haltung gegenüber dem angebotenen Wein in wertloses Konfetti zerfetzen sollte, schlich sich derweil unaufhaltsam in mein Unterbewusstsein. So war es keine Überraschung als folgende Aussage über meine Lippen donnerte:

 

„Ach was soll’s? – Gib mir auch ein Achterl von dem Tropfen, das wird mich schon nicht umbringen und meine Fahrtauglichkeit keineswegs beeinflussen!“

 

Ony reichte mir ein Glas und füllte es mit einem Hauch von Professionalität bis zur 1/8-Markierung auf. Danach blickten wir uns alle in die Augen und stießen auf den Weltfrieden an.

 

Änsen hatte Recht, dieser Wein war ein Gottesgeschenk. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch keinen derart wohlschmeckenden alkoholhaltigen Traubensaft  getrunken. Die pure Frucht veredelt mit Engelsstaub. Ein Meteoritenschauer an wohlschmeckenden Geschmacksstoffen für meinen Gaumen. Ich fühlte mich wie Cäsar, welcher, auf einer Sänfte durch die Weingärten des römischen Weltreiches getragen, mit dem Ende der kulinarischen Schöpfung versorgt wurde. Es war als tränken wir den Wein der Götter. Ich geiferte und lechzte dem nächsten Schluck entgegen. Ein regelrechter Reflex beförderte die Flüssigkeit in meinen Magen und ich ertappte mich dabei, wie ich das leere Weinglas in ein halbvolles verwandelte.

 

Jetzt waren wir so richtig im Rhythmus. Die Geschichten die wir uns (von Minute zu Minute lauter werdend) erzählten wurden immer lustiger und wir immer besoffener. Der Wein floss unsere Kehlen hinab, wie das Wasser an den Niagara-Fällen. Wir lachten und schrieen, hörten Musik, sangen dazu wie drei Katzen auf dem heißen Blechdach und bevor wir uns versahen, war es drei Uhr morgens, ungefähr. Ich konnte die Uhrzeit nicht mehr genau bestimmen, keiner von uns, aber wir waren uns einig, dass Mitternacht bereits vorbei war.

Zu diesem Zeitpunkt war es für mich unmöglich ein Kraftfahrzeug in Betrieb zu nehmen, ehrlich gesagt verschwendete ich nicht einen einzigen Gedanken daran, aber was viel schlimmer war, ich „vergaß“ auf mein Versprechen, vollkommen.

 

Kreischend standen wir mitten in der Nacht auf einer Welle der Euphorie, welche uns aber irgendwann abwarf und uns in einem Ozean voll Müdigkeit und Schlaf versinken ließ.

 

 

„Piep, piep!“ – tönte es, es war ein vertrautes Piepen, es war das Piepen meines Handys. „Wo liegt es nur?“ – dachte ich, „Wo bin ich?“ – fragte ich mich, „Wo ist mein Bett, wessen Teppich ist das und warum zur Hölle hab ich einen Sombrero in der Größe von Nebraska auf?“

 

Ich folgte dem schrillen Ton quer durch die ganze Wohnung. Mal wurde es lauter und mal leiser, dann fand ich es. Es lag auf dem Balkon, versteckt unter einer Tomatenstaude. Die Frage wie es dorthin gelangte, sparte ich mir, ich starrte es an und in diesem Augenblick, als ich sah, dass sämtliche „Versäumt-Infos“ und Erinnerungsfunktionen die dieses Teil zu bieten hatte blinkten, wie eine Reklametafel mitten in Tokio, wurde mir klar was geschehen war.

 

Ich hatte vergessen.

Im Gedanken sah ich meine Freundin am Straßenrand stehen, wie sie gerade zwei ihrer Kinder am Nacken packte, um sie so daran zu hindern, dass sie von der Autobahnbrücke springen, während zwei andere Quälgeister ihr die Hosen runterzogen und das alles, weil ich sie gnadenlos versetzt hatte.

 

„Ihr Hass mir gegenüber muss bereits astronomische Ausmaße erreicht haben!“ – dämmerte es mir, während ich Ony unter und Änsen auf dem Couchtisch entdeckte.

 

„Gott, was bin ich für ein Arsch?“ - dachte ich, aber lustig war’s. hehe

 

Und die Moral von der Geschicht?

Wahre Freunde gibt es nicht!

 

Worauf verlassen in der Not?

Verlässlich ist und bleibt nur der Tod! :-P

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