
Nur einen Klick entfernt vom Glück
„So, noch ein kurzer Blick auf „Amazon.at“, danach fahr ich die Kiste runter.“
Dies ist eine der größten Lügen, die ich jemals verbreitet habe. Der „kurze Blick“ findet nämlich niemals statt, da diese Gauner ein fantastisches Profil von mir erstellt haben.
Sie wissen was ich brauche und sie wissen wann ich es brauche. Verdammt, diese dreckigen Drecksschweine haben es auf mein Kapital abgesehen und sind auf dem besten Wege mich in den finanziellen und dadurch auch - über kurz oder lang - gesellschaftlichen Ruin zu treiben.
Anfangs war ich außerordentlich misstrauisch. Kreditkarte und Internet waren eine Kombination, von welcher selbst meine Großmutter wusste, dass diese in einem persönlichen Finanzdebakel enden kann.
Ich war sehr vorsichtig, als ich das erste Mal durch den Shop surfte. Ich bewegte die Maus gerade mal mit zwei Fingern (nicht der ganzen Hand) und klickte nur, wenn es unbedingt notwendig war. Wie auf rohen Eiern (ACHTUNG! Hierbei handelt es sich um keine zweideutige Anspielung!!) saß ich vor meinem Monitor und erforschte ängstlich die weiten des Online-Stores. Meine Kreditkarte verstaute ich derweil in meinem fest versperrten Auto (unterhalb der Fußmatte).
Doch je länger ich mich mit dieser Website vertraut machte, desto sicherer fühlte ich mich, nein, mehr noch, ein Gefühl von Geborgenheit machte sich breit. Diese vielen tollen Sachen, alle zu günstigsten Preisen, inklusive Transport und Abbuchung via VISA, alles noch viel unkomplizierter, als sich eine Packung Zigaretten in einer Trafik zu besorgen.
Für einen Shopping-Mall-Feind wie mich wurden Kaufrausch-Träume wahr. Endlich in der DVD-Wühlkiste wühlen, ohne sich anschließend mit 55jährigen nach Schweiß riechenden Filmjunkies um das letzte Exemplar irgendeiner 80er Jahre Schnulze zu prügeln. Keine Tiefgaragen Irrfahrten, keine Parkplatzkämpfe, keine Nervenzusammenbrüche an der Kasse und vor allem, kein Bargeld mehr. Bargeld = Steinzeit, bezahlt wird virtuell, im virtuellen Shop und das alles natürlich als virtuelle Person.
Johnny2456 beispielsweise.
„Guten Tag Johnny2456!“ heißt es dann nach ein paar Wochen im Posteingang. „ Sparen sie € 5.000,-- SOFORT - wir haben das ultimative Angebot für sie, aber nur wenn sie in den nächsten 26 Sekunden zuschlagen!“ Und schon ist man angemeldet und klickt sich wie wild durch den Produktjungle, dabei wird alles dokumentiert. Jeder Klick, jede Mausbewegung und nach nur wenigen Wochen kennt dich der Amazon-Hauptrechner besser, als das deine eigenen Eltern tun.
Für mich als technikbegeisterten Film- und Musikfan ist das natürlich die Autobahn zum Schrottplatz der Verschuldung. Plötzlich begeistert mich technischer Firlefanz von dem ich einige Wochen zuvor nicht einmal wusste dass es ihn gibt. CDs von Bands die aus Ländern stammen deren Namen ich nicht einmal aussprechen kann. Filme die so independent und underground sind, dass daneben „Trainspotting“ wie eine auf Hochglanz polierte Hollywood-Disney-Kooperation aussieht und das alles bestellbar ohne den eigenen Arsch auch nur einen Zentimeter zu heben.
„Fantastisch!!!“ dröhnt es aus der Ecke der Weightwatchers, „Blasphemie!!!“ plärrt der kleine Elektroladen von nebenan. Tja, das war’s dann wohl mit den überteuerten Elektroläden die bereits in der dritten Generation geführt werden. Enkel Erwin kommt zum Handkuss, muss den Laden dichtmachen und hat nicht die geringste Schuld daran. In ein paar Jahren werden solche Läden genau so ausnahmslos vom grünen Planeten verschwunden sein, wie die riesigen Flugsaurier aus der Kreidezeit.
- Jetzt fühle ich wie mir eine Träne an der Wange herunter läuft. Arme, kleine Elektroläden, schafft doch endlich die kubikmetergroßen Röhrenfernseher aus dem Schaufenster. *schnief*
Hat man als Johnny2456 dann endlich seinen Warenkorb gegen die Kreditkartennummer getauscht, beginnt das große Warten.
„Ihr Paket wurde versandt!“ – Yesss!
Man steht am Fenster und wartet auf den Postmann als würde dieser lebensnotwendigen Sauerstoff liefern. Jedes Motorengeräusch lässt mich aufhorchen. Wie ein Luchs verharre ich regungslos im Wohnzimmer. „War das der Postler?“ – „Nein, nur der Nachbar! Dieser verdammte Arsch! Warum muss der ausgerechnet jetzt nach hause kommen? Wo bleibt mein Paket? Ich kann keinen Tag länger ohne HDMI-Kabel überleben!“
Hat man diesen Level erreicht, hilft eigentlich nur ein gesprengter Überzugsrahmen. Erst wenn man diesen zu Explosion gebracht hat, hat das unkontrollierte Bestellen ein Ende.
Da schau her, eine Story in der nicht einmal das Wort „Urlaub“ erwähnt wurde! Ach, jetzt war’s doch! Hehe
Als Nachsatz würde ich noch gerne folgendes nachschieben:
Die Nächte werden wieder kälter.
Ich kann mich noch sehr gut an jenen Artikel erinnern, in welchem ich fröhlich vom wärmer werden trällerte, davon, dass meine Finger nicht länger an der Tastatur festfrieren, wenn ich bei offener Balkontüre Texte in den PC klopfe und davon, dass der Schneehase endlich vom Osterhasen abgelöst wird.
Nur dass ihr’s wisst: Das war einmal. Sturm zieht auf und kälter wird’s. Neeeeiiiiiaaaarrrrrgggghhhhh!!

