Ich will Feuerwehrschmarotzer werden

Es sind bereits einige Jährchen ins Land gezogen, seit jener Zeit – es war irgendwann Mitte der 90er – als das neue Feuerwehrhauptquartier in unserer Kleinstadt errichtet wurde. Für damalige Verhältnisse sah es fantastisch aus, um nicht zu sagen „der Zeit voraus“, gar futuristisch anmutend, mit riesigen Garagentoren durch die die gewaltigen Löschfahrzeuge heulend und blinkend ins Freie brausten. Der Gefahr entgegen, gegen den Strom der Flüchtenden. Volles Rohr in Richtung lodernder Flammen, tödlichem Rauch, wildem Gekreische und das zu jeder nur erdenklichen Tages- und Nachtzeit. Die Feuerwehr war auf meiner persönlichen Helden-Skala zwar einen Platz hinter Batman zu finden, jedoch weit vor dessen „Weicheikumpanen“ Robin gereiht.


Ich, ein gerade mal 15jähriger Oasis-Fanat mit fünf Ohrringen (drei links und zwei rechts), Nasenring (erst rechts einen silbernen Ring ((selbst gestochen!!)) und dann links einen schwarzen Stecker ((den hat mir ein besoffener Hobbypiercer in einer Nacht- und Nebelaktion auf dem Beifahrersitz eines 25 Jahre alten Nissan in den Nasenflügel ge-herumfuhrwerkt)) und Nachttopf-Frisur, war auf eine ganz besonders dreiste und selbstsüchtige Art und Weise von dieser Hilfsorganisation fasziniert.


Drei meiner Klassenkollegen waren diesem Verein damals beigetreten und genossen fortan die breite Palette sämtlicher Vorzüge welche man als Mitglied in Anspruch nehmen konnte. Mit Argusaugen verfolgte ich sie sobald ihr Piepser losging, wie sie danach ohne mit der Wimper zu zucken ihren verdammten Physiktest unbeaufsichtigt zurückließen (um diesen einige Tage später in aller Ruhe nachzuholen) und kurz darauf keuchend im Feuerwehr-Hauptquartier verschwanden.


Um ehrlich zu sein, mich fraß der Neid daher fasste ich den Entschluss, künftig als ehrenamtlicher Feuerwehrmann der Bevölkerung zu dienen und so uneingeschränkten Zugang zum Hauptquartier zu erhalten. Es war fantastisch, endlich konnte ich meine unendliche Neugier stillen und mich ruhigen Gewissens darin umsehen.


Im letzten Stockwerk befand sich ein riesiger Raum mit Tischtennisplatte, ausreichend Schläger und einem braunen Karton voller kleiner weißer Bälle, der aussah wie eine Schildkröten-Entbindungsstation.

Zwei Stockwerke weiter unten gab es eine Kraftkammer mit duzenden Hanteln, kilometerlangen Laufbändern, einer Armada von Hometrainern, Tretmühlen, Gewichten, usw. - kurz gesagt, einfach alles was man braucht um Gouverneur von Kalifornien zu werden.

Und, was zu jener Zeit das Allerwichtigste für mich war: Jeden Mittwoch gab’s Freibier!


Um genau zu sein handelte es sich aber nicht um „echtes Freibier“, denn man musste davor die Strapazen einer Feuerwehrübung über sich ergehen lassen. Das heißt, man war dazu gezwungen, in voller Montur (ich brauchte schon damals einen Helm in Übergröße, der eher an den Topf einer Gulaschkanone erinnerte, als an einen Kopfschutz), in der eigenen Heimatstadt mit dem schlaffen, wasserlosen Schlauch herumzulaufen und imaginäre Flammen zu löschen oder Crash-Test-Dummys aus dem Fluss zu bergen und das alles natürlich vor Publikum, welches man sich selbstverständlich nicht aussuchen konnte.


Das war mir natürlich zu viel des Freiwilligen. Außerdem hätte ich so meinen schmerzhaft erpiercten Coolness-Faktor unwiederbringlich ins Klo gespült.

Jeden Mittwoch war Übung und so saß ich jeden Dienstag Abend zu Hause an meinem Schreibtisch und überlegte mir dreckige Lügen und faule Ausreden wie ich dieser fernbleiben, anschließend aber trotzdem die Getränkegutscheine abstauben konnte.


Von Stauchungen, Verdrehungen und Dehnung, über den plötzlichen Tod verschiedenster Haustiere, bis hin zu „Fernbleiben der Übung wegen lernen!“, ließ ich meiner Kreativität jede Woche aufs Neue freien Lauf und zerrte so - wie eine hundsgemeine Schmarotzerpflanze - an den fest verankerten Werten der Kameradschaft.


Nach gut einem halben Jahr war es dann soweit. „Ich solle doch so nett sein und mich am Mittwoch beim Kommandanten melden.“ hieß es. Die Übung war noch voll im Gange (ich war fast allein im Hauptquartier und sah fern), als ich oscarreif ins Büro des „Vorgesetzten“ humpelte.

Wir haben dir jetzt ein halbes Jahr dabei zugesehen, wie du dir jeden Mittwoch wie ein richtiger Feuerwehrmann drei mit Bier gefüllte Krüge in den Wannst gekippt hast, jedoch sind wir nur ein einziges Mal in den Genuss gekommen, dich dabei zu beobachten wie du wie ein richtiger Feuerwehrmann in ein Feuerwehrauto gestiegen bist. „Freund der Blasmusik“, das ist zu wenig. Bitte such dir doch eine andere Organisation, welcher du das Weiße aus den Augen saugen kannst!“


Und vorbei war sie, meine Zeit als rücksichtsloses Kameradenschwein. Über sechs Monate hatte ich nur genommen und nichts gegeben. Ich hoffe ich lande dafür nicht in der Hölle (haha!).


Das ist die Wahrheit und auch wenn viele jetzt erschüttert sind und mit Tränen in den Augen auf ihren Sesselchen ungläubig in den Monitor starren. Ja, ich war ein Schwein – vergieb mir o Herr!

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