"Entspiegelte Gläser?"

Ich kann niemals Scharfschütze werden. Das ist ein Faktum und dieses Faktum hab ich leider zu akzeptieren. Schuld daran sind meine zwei Dioptrien, welche scharfes Sehen ohne technische Hilfsmittel leider unmöglich machen. Nur zu gern würde ich die Wochenenden - liegend - im meterhohen Gras verbringen, mit dem Präzisionsgewehr im Anschlag, auf meine einzige Chance wartend, um dann, im richtigen Augenblick, den Top-Terroristen dieser Erde den Kopf von den Schultern zu schießen.


Dass ich meilenweit von diesem Berufswunsch entfernt bin, hat mir eindeutig der heutige Morgen bewiesen, als ich unbewaffnet, sprich – ohne Kontaktlinsen - ins Wohnzimmer trottete und erst ein nettes „Guten Morgen“ in Richtung Couch posaunte, bevor mir klar wurde, dass es sich bei diesem verschwommenen, dunklen Haufen um keinen Besuch, sondern um meine Fernsehdecke handelte.


Würde Chisco in der Steinzeit leben, hätte ihn die natürliche Selektion schon längst zum Sterben beordert. Zu dieser Zeit war kein Platz für „blind Schleichende“. Sehbehinderte wie ich hätten das Wohl des Stammes gefährdet und wären vermutlich an einer Beerenvergiftung gestorben. Meine letzten Worte hätten dann wohl gelautet „Uga, uga, tschang, tschang!“ was in der heutigen Sprache ungefähr so viel bedeutet wie: „Ja ja, ich weiß schon, nur die dunkelblauen, nicht die schwarzen!“


Aber da wir ja bekanntlich nicht mehr in der Steinzeit leben, sich der moderne Mensch zu helfen weiß und ich die Nummer der Vergiftungszentrale seit Jahren in meinem Handy gespeichert habe, wird meine Behinderung unter keinen Umständen zu meinem verfrühten Tod führen.


Was also verleiht mir klare Sicht und macht mein Leben dadurch erträglich?


Ich trage Kontaktlinsen, eigentlich sehr komfortabel und während des Tages unerlässlich. Kein lästiges Beschlagen während man ein gerammelt volles Lokal betritt und kein gebrochenes Nasenbein, weil man anschließend im „Nebel“ gegen eine massive Betonwand stolpert.


Doch so unbeschwert das Leben tagsüber mit den wunderbaren Haftschalen abläuft, so unbequem wird das Tragen dieser in den Abendstunden. Ständig haften sie an den Liedern, fallen aus dem Auge und bleiben anschließend verschrumpelt an der Wange kleben. Der nervt, tierisch sogar. Was also tun?


Als ich letztens durch ein Einkaufszentrum schlenderte wurde ich von Brillenwerbeplakaten fast erschlagen.

Neue Brillen, Top Design, Top Verarbeitung zu Top Preisen!“ – „Endlich mal Werbung, wenn man sie braucht.“ – dachte ich.


Ich betrete also den Laden und keine Sekunde später springt mir ein etwas untersetzter Verkäufer vor die Linse. Er hätte vermutlich einen Kreis gelacht, hätten seinem strahlenden Lächeln nicht die eigenen Ohren im Wege gestanden. Seine Brille war designmäßig vermutlich der allerletzte Schrei und machte auf mich auch einen übertrieben teuren Eindruck.

Kann ich ihnen helfen?“ – fragte mich der kleine Mann, welcher schätzungsweise ein halbes Einfamilienhaus auf seiner Nase trug.


Gerne, ich brauche eine Brille. Ich würde sie nur zu Hause tragen. Keine Designermarke. Keine Spezialgläser. Nicht teuer, sondern genau so billig wie an den fußballfeldgroßen Plakatwänden versprochen.“


So ein Glück auch, da hab ich genau das Passende für sie!“ - sprudelte es überschwänglich aus dem schmalen Mund des Verkäufers. Irgendwie erinnerte mich sein Wesen an einen geilen Pudel, welcher ununterbrochen Stofftiere anbumst.

blablablabla und „entspiegelte Gläser“!“ - hyperventilierte er mir weiter ins Gesicht.


Ich brauche keine „entspiegelten Gläser“.“ - erwiderte ich. „Ich werde mit dieser Brille kein Kraftfahrzeug in Betrieb nehmen, ich werde auch keine Notoperationen unter gleissendem Scheinwerferlicht durchführen, ich werde sie einzig und allein zum Lesen, Fernsehen und zur Arbeit am Bildschirm verwenden. Das heißt wir können die € 40,-- abziehen, die das „Entspiegeln“ kostet und treffen uns so bei einem annehmbaren Preis!“ antwortete ich trocken.


Wie meinen sie das? Nicht entspiegeln? Dann werden sie mit der Brille nichts sehen!“

Wie meinen SIE das?“ - entgegnete ich - „sie verkaufen also ernsthaft Brillen mit denen man nichts sieht? Das glaub ich ihnen nicht, ich mein das wäre in etwa so als würden sie mit billigsten Autos werben und mich kurz vor der Vertragsunterzeichnung darauf aufmerksam machen, dass das Auto zwar schön anzusehen ist, aber sie mir dringend raten würden das Fahrzeug inklusive Motor zu kaufen. Der Preis verdreifacht sich zwar dadurch, aber immerhin würde es dann auch fahren!“


Die ersten Freier kamen bereits zur Tür herein, weil diese aufgrund des knallrot leuchtenden Kopfes des Pudels, ein Etablissement vermuteten, als er schlussendlich doch einwilligte mir die Brille anfertigen zu lassen.


Danke, aber bezahlt wird erst bei Abholung und wehe ich sehe nichts mit meiner neuen Sehhilfe!“ - sagte ich und verließ den Laden. Lügenbande, verdammte!


Wer den Chisco über's Ohr hauen will, spielt mit dem Feuer. Lasst euch das gesagt sein Verkäufer dieser Welt. ;-)

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Kommentare

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  1. Evelyn schreibt:

    jawohl! ;-)


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