Bitte, Danke und Entschuldigung

Nein, ich bitte Sie, bleiben sie sitzen – gnädige Frau – ich hole ihnen gerne die Milch vom Bauern. Das sind doch nur ein paar Kilometer Fußmarsch, ich bitte Sie! Ich spaziere wirklich für mein Leben gern, Fräulein Tafelspitz. Bitte lassen Sie mich die Milch holen, danke.“

So ein netter Herr, der Herr Rosshuber. Nichts ist ihm zu weit und nichts ist ihm zu teuer.“ – dachte sich Frau Tafelspitz, eine der zahlreichen augenscheinlich höflichen Personen, die es genossen von Hr. Rosshuber „betreut“ und „verwöhnt“ zu werden. So ganz ohne Gegenleistung.


Er war wirklich nett, der Herr Rosshuber, fast schon zu nett. Er mochte die anderen Menschen lieber als sich selbst. Ständig, so glaubte er, stehe er in der Schuld der Anderen. Um nichts brauchte man ihn zu bitten. Er konnte die Wünsche und Bedürfnissen aus den Gesichtern der Menschen um ihn herum förmlich herauslesen. Mit letzter Hingabe und nahezu selbstvernichtender Aufopferung versuchte er es jedem und vor allem jeder, recht zu machen. Die Wörter „Bitte“, „Danke“ und „Entschuldigung“ beherrschten seinen Wortschatz.


Sogar seiner bösartigen Nachbarin erwies er damals, als er als Trauzeuge bei der Hochzeit seines Bruders fungieren sollte, einen heldenhaften Dienst, obwohl diese Ihn seit Jahren schikanierte. Fast täglich deponierte diese, sicher im Herzen nette, Furie (so dachte er über sie, er hätte sich jedoch lieber einen Arm abgetrennt, als das jemals laut auszusprechen) ihren nach Asche, Rauch und Schimmel stinkenden Müll vor seiner Wohnungstür. Und jeden Tag aufs Neue trug Hr. Rosshuber den Sack anstandslos die Stufen hinab und warf ihn in den Container.


Frisch rasiert und im neuen Anzug (er hatte sich bei der Verkäuferin für sein geringes Gewicht und seine schmale Taille entschuldigt, da diese es als notwendig erachtete, die Hose enger zu nähen) schlich er vorsichtig ins Freie, als ihm die Hofbauerin (seine boshafte Nachbarin, die mit den Müllsäcken) lautstark befahl ihr zu helfen. „Mein Wagen springt nicht an!“ – schrie sie hysterisch.

Hr. Rosshuber blickte kurz auf die Uhr, selbstverständlich gefolgt von einem unbehaglichen Schuldgefühl. „Entschuldigen Sie Fr. Hofbauer. Das hat nicht zu bedeuten dass ich keine Zeit hätte, natürlich hab ich Zeit ihnen zu helfen. Bitte um Entschuldigung.“ Sofort zog er sich den Ärmel des Jackets über die Uhr und griff sich danach selbstkritisch an den Kopf.


Der Wagen von Fr. Hofbauer war rostzerfressen und wahrlich ein Fossil in der Welt der Automobile. Die Motorhaube war nicht mehr als eine massive Stahlplatte die Hr. Rosshuber nur unter enormer Anstrengung in die Höhe klappen konnte. Der Motor war komplett mit Motoröl überzogen, so wie jedes andere Teil in der Frontpartie des Oldtimers auch. Zögerlich drehte er an den Schrauben, klopfte auf die Behälter und zerrte an den zahlreichen Schläuchen, doch der Wagen machte keinen Mucks. Mit dem Handrücken wischte er sich eine Schweißperle von der Stirn und malte dabei unabsichtlich einen dunkelschwarzen Teer-Strich quer über seine rechte Backe, die nun aussah, als hätte sein Rasierapparat kurz vor dem Abschluss der Rasur den Geist aufgegeben. „Jetzt starten!“ Schrie Hr. R. – in diesem Moment löste sich ein Schlauch und eine gemeine Ölfontäne spritze Rosshuber in den Ärmel seines Hemdes direkt unter seine Achsel, von dort aus sich das Öl wie durch einen Schwamm durch sein komplettes Outfit sog.

Stop! Sofort aus!“ – plärrte er im Schock und entschuldigte sich gleich danach für den forschen Ton. „Er dachte sie höre ihn sonst nicht, darum erhob er seine Stimme.“ – rechtfertigte er sich umgehend.


Leicht genervt, aufgrund seines eigenen Unvermögens, klemmte er den Schlauch wieder an das freigelegte Ventil. In der Zwischenzeit startete Fr. Hofbauer eine recht ungeplante Eigeninitiative, natürlich zur unerfreulichen Überraschung von R., in dem sie den Wagen erneut zu starten versuchte. Der erste Gang war eingelegt, jedoch kein Bein auf der Kupplung. Scheinbar mühelos sprang das KFZ jetzt an, gefolgt von einer unkontrollierten Vorwärtsbewegung die Herrn Rosshuber, der gerade Kopfüber in der Motorhaube nach Defekten suchte, gegen die Hauswand schleuderte. Nun hing er wie im Schraubstock zwischen Stossstange und Beton. Schreiend und sich vor Schmerzen windend beugte er sich nach vorne, in diesem Moment sauste die massive Motorhaube aus der 30 Jahre alten Verankerung nach unten und detonierte krachend auf Rosshubers Hinterkopf. Jetzt war er vollkommen bewegungsunfähig. Die Beine eingeklemmt zwischen Auto und Haus, das Haupt, der Rumpf und die Hände wurden von der Stahlplatte in den ölverschmierten Motorraum gepresst.


An der Stelle an welcher die Motorhaube an der Frontscheibe grenzte, blieb ein kleiner Schlitz geöffnet durch welchen R. in die Fahrerkabine blicken konnte. Reden konnte er nicht mehr, da sich der Schlauch erneut gelöst hatte und ihm dadurch literweise Öl geradewegs ins Gesicht spritzte, also versuchte er sich mit Blinzeln bei der Furie zu entschuldigen. Aber sie konnte ihn nicht wirklich sehen, höchstens erahnen. Alles was sie tatsächlich sah war ein schwarzer, zappelnder Ölfleck auf den, durch den kleinen Spalt hindurch, ein schmaler Lichtstrahl schien.

Hofbauer sprang in die Kupplung und schaltete in den Leergang, der Wagen lief also noch und rollte jetzt von der Hausmauer weg zurück auf den Parkplatz. Herr Rosshuber schämte sich bis auf die Knochen und versuchte verzweifelt sich aus seiner misslichen Lage zu befreien. Eine ungeschickte Kopfbewegung reichte aus um es seiner Kravatte zu ermöglichen sich im Keilriemen zu verfangen. Der letzte Atemzug der seine Lunge füllte, war gesättigt mit Kohlenmonoxyd. Wenige Minuten später erlag der gute Mann seinen zahlreichen Vergiftungen und Verletzungen.


Später, als zwei weitere Nachbarn die Motorhaube endlich wieder in die Verankerung brachten, stand Fräulein Hofbauer tränenüberströmt daneben und verabschiedete ihren „Helden“ mit den Worten: „Sein armer Bruder, wo soll dieser, jetzt auf die Schnelle, einen Trauzeugen herbeizaubern?“

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