
Von Wünschen und Tatsachen
Wir füllten den Rest des Bierglases nun endgültig mit Luft, bezahlten unsere Rechnungen, zogen unsere Jacken an und schlenderten, begleitet von einer wunderbaren dunkelblauen Abendstimmung, in Richtung Parkplatz. Unser Vorhaben bestand darin, bei mir zu hause einen gemütlichen Abend zu verbringen. Ein bisschen zocken, reden, vielleicht ein Bier und dazu eine ergänzende Zigarette. Als wir gut gelaunt beim Wagen ankamen, schloss Max die Fahrertür auf und machte mir den Beifahrersitz frei in dem er den unsortierten Stapel CDs auf den Rücksitz schlichtete. Ich stieg ein, während ich den Plan für den restlichen Abend präzisierte und wir fuhren zu den Klängen von Bob Marley los. Vertieft in der rhythmischen Musik sah Markus die beiden Fußgänger verhältnismäßig spät, aber immer noch früh genug, um das Fahrzeug rechtzeitig zum Stillstand zu bringen. Ein leises Quietschen verriet die etwas verspätete Reaktion und die vom Scheinwerferlicht aufgehellten Gestalten blieben mitten am Zebrastreifen stehen. Überrascht sahen wir durch die Frontscheibe in die schemenhaften Gesichter, unfähig zu definieren um welches Geschlecht es sich handelte und perplex aufgrund deren unorthodoxen Verhaltens. Die Umrisse wirkten gespenstisch und deren Augen leer. Das Licht der Scheinwerfer fiel direkt auf ihre Wangenknochen und diese warfen dunkle Schatten in ihre Augenhöhlen, sodass es einem - bei diesem Anblick - eine Gänsehaut im Nacken aufstellte. Markus drehte die Musik leiser und wartete geduldig darauf, dass sich diese beiden unförmigen Gestalten endlich von unserer Fahrbahn verpissten. Doch diese blieben stehen und starrten mit ihren mit Schatten gefluteten Augen in unser Fahrzeug. “Kommt schon! Bewegt euch!“ schrie Markus durch das heruntergekurbelte Fenster und schon kam einer der Beiden der Aufforderung nach. Er bewegte sich, jedoch nicht auf die andere Seite der Strasse, sondern mit einem Kung-Fu-Sprung auf das rechte Licht des uralten und rostzerfressenen Toyota von Maxl. Jetzt schien die Situation zu eskalieren. Mein Kumpel sprang, begleitet von wilden Handbewegungen, aus dem Wagen und begann damit, die Intelligenz des Kung-Fu-Kämpfers in Frage zu stellen, während ich immer tiefer in den Beifahrersitz sackte. Ich wollte doch nur nach hause um einen netten Abend standesgemäß ausklingen zu lassen und nun saß ich in einer Klangwolke voller Schimpfwörter und Aggressionen. “Komm schon Max, lass uns fahren!“ – empfahl ich und bewegte so M. dazu wieder in den Wagen zu steigen. Um weitere Mensch - Karosserie Berührungen zu vermeiden legte er den Rückwärtsgang ein und stieg, noch völlig aufgebracht und mit rotem Kopf, angespannt ins Gas ohne vorher in den Rückspiegel zu blicken. Der Aufprall war wuchtig, mein Hinterkopf schlug auf der Rückseite des Beifahrersitzes auf, federte aber sofort wieder in die Ausgangsposition zurück. Nun blickten wir uns in die Augen. Uns war zum Weinen, zum Lachen, zum Losschreien, zum Ausflippen und zum Verzweifeln zu mute. Der Strick des Unglücks hatte seine Schlinge noch ein weniger strammer zugezogen und wir waren kurz vor dem Erstickungstod. Nicht nur dass wir vor uns einen wütenden Karate-Zombie hatten, der mit seiner heißluftballonförmigen Mutter unterwegs war (wie wir später erfuhren), jetzt fuhren wir auch noch einen fahrzeugverliebten Südländer in den chromüberzogenen Motorblock. Hasstiraden von allen Seiten. Ich überlegte kurz ob ich in die Kanalisation flüchten sollte. Der Kanaldeckel sah mich an wie ein zwinkernder, vertrauenswürdiger Smiley der mir mit sanfter Stimme seine Hilfe anbot: “Komm schon, heb mich hoch, spring hinab und flüchte vor der Wahrheit!“ – empfahl er mir. Doch ich konnte nicht, ich musste mich dem Schicksal stellen und als ich mir den Polizeibericht vor dem Unterschreiben noch einmal genauestens durchlas, erinnerte ich mich an den Plan, welchen ich Stunden zuvor geäußert hatte und da wurde mir bewusst, dass es tatsächlich ganz anders kam, als wir es uns wünschten.

