Herr Karl - Mein Großvater

Mein Großvater war absolut blind, blind wie ein Maulwurf.

Wir schreiben das Jahr 1958. Meine Großmutter hatte gerade das zweite Jahrzehnt ihres Lebens hinter sich gebracht, als sie meinen Opa kennen lernte.

Herr Karl. Ein stattlicher Mann, dunkles Haar, dunkle Augenbrauen, dunkler Hauttyp und eine dunkle Brille im Gesicht, deren Fassung gut und gerne an die 2 ½ Kilo wog (müsste man heute das Gewicht anhand der Fotos von damals schätzen).

 

„Herrgott, eine dunkle Horn-Brille. Der einzige Wehrmutstropfen bei einem ansonsten sehr ansehnlichen Mann“ – dachte sich meine Oma und so wurden seine unzähligen Aufforderungen zum Tanzen und schon unzählbaren Einladungen zu einem Spaziergang, jedes Mal aufs Neue, mit einem deutlichen und kaltblütigen „Nein“ abgeschmettert.

 

„Einen Mann mit Brille will ich nicht, der macht mich um 10 Jahre älter!“ – lautete die seichte Begründung meiner Granny damals.

 

Doch Hr. Karl lies nicht locker, verzaubert und benebelt von der Schönheit meiner Großmutter lag er oft stundenlang, von Schlaflosigkeit gepeinigt, in seiner Hütte und überlegte dabei, wie er denn seine eklatante Sehschwäche vor seiner Angebeteten verbergen konnte.

 

Eines Nachts schlich er durch den Ort, vorbei an dem Haus in welchem meine Oma ahnungslos schlief, hinaus aufs Feld, zur großen Eiche die mächtig und selbstbewusst aus der Erde ragte und so keinen Zweifel aufkommen lies, dass sie schon länger auf unserem grünen Planeten verweilte, als jedes Haus des kleinen Dorfes. Der Mond schien durch das Geäst und ein paar Vögel flatterten aufgeschreckt davon, als mein Opa sich auf Zehenspitzen dem Stamm näherte und dabei kleine Zweige seine „Nacht und Nebel Aktion“ durch lautes knacksen verrieten. Er griff in seine Westentasche und holte eine kleine Stecknadel heraus. Er starrte sie an während er sie in das grelle Mondlicht hielt und steckte sie in die Rinde des Baumes. Dann huschte er zurück aufs Feld und verschwand in einem der zahlreiche Schatten jener unheimlichen Mondnacht.

 

Am nächsten Morgen, die Stille wich dem Zwitschern der Vögel und die Dunkelheit wurde von der immer mächtiger werdenden Sonne weiter nach Westen verdrängt, klopfte es an der Tür meiner Urgroßmutter.

 

„Poch, poch, poch!“

„Wer stört das Drei-Mädchen-Haus, so früh am Morgen? Will da etwa jemand heißen Kaffee ins Gesicht?“ - plärrte meine Großmutter durch die geschlossene Tür ins Freie.

„Ich würde gerne eine ihrer Töchter zu einem Spaziergang einladen!“ – antwortete eine rasend nervöse Männerstimme.

„Aha, und welche meiner Töchter?“

„Elisabeth, die schöne mit dem feurigen Haar, die keinen Mann mit Brille will!“

 

Nach etwa zehn Minuten kam Elisabeth zur Tür heraus und stellte gleich mit Freude fest: „Du hast keine Brille auf!“ – um gleich danach kritisch zu Fragen „brauchst du sie denn nicht mehr?“

 

Lachend winkte Herr Karl ab und blickte wie ein Indianer (mit Handkante an der Stirn) auf das weite Feld hinaus zur thronenden Eiche.

 

„Sieh doch mal Elisabeth, da draußen, im Stamm der großen Eiche steckt eine Nadel in der Rinde!“

 

Meine Großmutter antwortete aufgebracht und beeindruckt: „Oh Gott, wie kann das sein, dass du plötzlich so klar und scharf siehst? Ich bin begeistert! Würdest du so lieb sein und sie mir herbeiholen?“

 

„Selbstverständlich!“ antworte Herr Karl, er lief los und stolperte nach nur wenigen Schritten über eine Schlafende Kuh!“

 

Dass er trotz Brille erfolgreich war, beweist diese Geschichte. Ich hätte sie nie schreiben können, hätte mein Großvater keinen Treffer bei meiner Großmutter gelandet!

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