Flug nach Nirgendwo

Der Flug dauert bereits vier Stunden. Wir dürften uns momentan irgendwo über dem Pazifik befinden. Einige tausend Kilometer vom Festland, und der nächsten größeren Insel entfernt. Es ist Nacht und blickt man durchs Fenster, so sieht man das wahrhaftige Nichts, als ob die Scheiben in flüssigen Teer getaucht wurden.

Einige Insassen schlafen in unbequemer Haltung und sabbern sich dabei auf den eigenen oder auf den Pullover des Sitznachbarn. Mein Nachbar liest Zeitung und die hübsche, Dunkelhaarige, welche zwei Sitzreihen vor mir die meiste Zeit auf einen der vielen Bildschirme starrt, beschwert sich bereits zum dritten Mal über die – ihrer Meinung nach - viel zu kräftig eingestellte Klimaanlage.

Das Licht ist gedämpft und die Flugbegleiter flüstern lächelnd mit den sich beschwerenden und fragenden Passagieren, um die restlichen nicht zu stören. Vor der Toilette hat sich bereits eine kleine Schlange gebildet.

Mehrere hundert Tonnen Kunststoff und Metall gleiten durch den Nachthimmel, zielstrebig, ruhig und sicher. Alles basierend auf menschlicher und maschineller Präzisionsarbeit. Es herrscht Einklang.

Dann, …, ein kräftiges Zittern. Einige Personen werden gegen die Sitze geschleudert, andere verlieren das Gleichgewicht und gehen zu Boden. Das Personal versucht die Passagiere zu beruhigen, doch vergebens. Wildes, zermürbendes Geschrei setzt ein und die Menschen versuchen orientierungslos, den blanken Horror im Gesicht, zu ihren Sitzen zu finden.

 

Das Zittern der Maschine wird stärker, niemandem ist es noch möglich sich auf den Beinen zu halten. Das Flugzeug verliert rapide an Höhe und einige Körper gleiten bereits hilflos durch die Gänge. Verzweifelt wird versucht sich an irgendetwas festzukrallen, doch es ist aussichtslos, die Fliehkräfte sind viel zu stark.

 

Ich hab den Eindruck, als hätten alle um mich herum das Bewusstsein verloren, nur ich nicht. Hektisch werfe ich meine Blicke durch die Kabine, während mir mein Magen verrät, dass wir uns immer schneller dem peitschenden Pazifik nähern. Es fühlt sich an wie ein Bungie-Sprung, nur ohne erlösender retour Bewegung. Es geht nur in eine Richtung – nach unten.

 

Für den Bruchteil einer Sekunde herrscht Stille, absolute Stille. In meinen Ohren regiert der Überdruck, es läuft Blut heraus. Ich kann die Bahnen spüren, die sich bis zum Kragen meines T-shirts erstrecken. Ich wünsche mir endlich in Ohnmacht zu fallen.

 

Doch nichts dergleichen passiert.

 

Ein Aufschlag, der so gewaltig, kraftvoll und wuchtig ist, wie ihn sich kein Mensch auch nur ansatzweise vorstellen kann, wenn man diesen nicht selber erlebt hat, reißt mich aus meinen letzten Gedanken. Ich bin immer noch bei Bewusstsein.

 

Der Lärm von sich verbiegendem Stahl wirkt dumpf und gedämmt, die Stimmen der Menschen sind schon lange verstummt. Blutgefärbtes Salzwasser macht sich im Wrack breit. Ich suche, wild atmend und keuchend, nach einer Bruchstelle um ins Freie zu kommen.

Dort drüben, eine offene Tür die in die feuchte Dunkelheit führt. Ich schwimme hindurch. Ich weiß dass es keine Rettung gibt. Das Meer will mich ertränken. Eine Welle nach der anderen peitscht mich gegen ein riesiges Metallteil. Ich kann nichts sehen, es ist Nacht. Ich bin tausende Kilometer weit weg von sonnigen Palmenstränden. Meine Kräfte neigen sich dem Ende. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Ich hab so große Angst, dass ich mir den Tod wünsche. Wo bleibt er nur? Kein grelles Licht, kein heller Tunnel, grausam zieht es mich in die Tiefe. Der Atemreiz setzt ein und meine Lungen füllen sich mit Meer.

"Vergesst mich nicht!" - Die letzte Sorge der Menschen.

 

 

So und jetzt fahr ich zu meinem Cousin „Flug buchen!“ Ich freu mich auf den wohlverdienten Urlaub! J

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